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Draußen vor der Türe

    Draußen vor der Türe

    Gedanken zum öffentlichen Raum – Vortrag im Rahmen der Tagung

    Christian Holl, frei04 pubilzistik

    Öffentlicher Raum als sozialer Raum – Bedeutung für die Quartiersentwicklung LAG Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit BW e.V. 22. November 2024

    Von Christian Holl

    „Jeden Sommer träumt die Stadtbevölkerung vom mediterranen Lebensgefühl, von der lauschigen Piazza, vom Verweilen zwischen Brunnen, Bänken und üppigen Bäumen“, so Giorgio Scherrer in der Neuen Zürcher Zeitung am 23. Juli 2024 (1) Es ging in diesem Beitrag um missratene Plätze, aber dieser kleine harmlose Satz macht viel deutlich, was für die Diskussion um öffentlichen Raum wichtig ist. Dieser Diskurs ist stets von den Erwartungen einer wohlhabenden Schicht und deren kulturellen Vorstellung von Urbanität bestimmt. Das ist der erste Haken, über den wir uns im Klaren sein müssen: Wenn der öffentliche Raum, einer für alle ist, dann müssen wir uns fragen, ob wir dabei auch an alle denken und zwar so an sie denken, dass wir nicht nur denken, wenn es uns gefällt, oder wenn es vielen gefällt, wird es schon für alle passen.

    Scherrer formuliert Vorstellung von Urbanität, die unlösbar mit dem Thema des öffentlichen Raum verknüpft ist. In ihr liegen aber eine ganze Reihe von Missverständnissen. Das eine besteht darin, was das eigentlich ist: der öffentliche Raum. Denn der ist auch einer der Straßen, der Räume in den Randbereichen der Städte, der Einfamilienhaussiedlungen. Hier geht es nicht mehr darum, wo man einen Latte Macchiato unter Bäumen schlürfen kann. Hier geht es um andere Fragen, die in der Diskussion nicht so oft auftauchen und schon gar nicht Bilder haben, mit denen man so operieren kann wie mit der lauschigen Piazza.

    Öffentlicher Raum sind aber auch, wenn auch nicht im engeren rechtlichen Sinne, die Räume in Gebäuden, die allen oder fast zugänglich sind, wenn auch nicht 24 Stunden und 7 Tage, die dritten Orte, von denen man zuerst möglicherweise an Bibliotheken, Kirchen, Kultur- und Gemeinschaftshäuser denken mag. Orte, an den Kultur, Bildung, Zivilgesellschaft miteinander verknüpft werden. Aber vielleicht sind es auch Kneipen, Kaufhäuser, Einkaufszentren, Tankstellen. Sie sind wichtige Orte, die wir in der Diskussion um den öffentlichen Raum nicht vergessen sollten, weil sie etwas bieten, was eine wichtige Rolle spielt, wenn wir von einem Raum für alle sprechen: nämlich, dass er auch Räume für eine bestimmte Gruppe, Community bieten soll, wenn er Raum für alle sein soll. Für Menschen, die sich dort, wo alle hinkommen, nicht wohlfüh­len, weil sie den vor allem kulturellen Codes der hegemonialen Mehrheit nicht entsprechen, weil zum freien Aufenthalt im öffentlichen Raum der Schutz gehört, die Sicherheit, sich anerkannt zu fühlen. Und in einer so vielfältigen, diversen und diversifizierten Gesellschaft wie der unsrigen ist das nicht nebensächlich.

    Damit sind wir bei der dritten Falle, die dieses Eingangsbild des öffentlichen Raums stellt: Diese Vorstellungen orientieren sich an Stadtbilder der Vergangenheit, die nicht an heutige Lebens­weisen und nicht an eine ganz anders zusammengesetzte Gesellschaft gekoppelt sind. Sie frieren Geschichte ein, imaginieren einen vergangenen Zeitpunkt als Idealzustand, der nicht verändert werden soll. Handlungsfähigkeit und Aneignung ist hier nur noch als Konsum möglich. Dem hält eine Untersuchung von 2021 der ZHAW entgegen, dass Figurationen von Öffentlichkeit keine stati­schen Objekte darstellen, „die, einmal gebildet, sich nicht mehr verändern“. (2)
    Veränderungen, die schon lange vollzogen sind, etwa in der Bevölkerungszusammensetzung, tau­chen in diesen Bildern idealisierter städtischer Öffentlichkeit ebenso wenig auf wie Bebauungs­strukturen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, eben die Einfamilienhäuser.

    Vielleicht sollte an dieser Stelle einmal kurz darauf eingegangen werden, warum der öffentliche Raum wichtig ist. Er ist meiner Erfahrung und Kenntnis nach aus zwei Hauptgründen wichtig. Zum einen ist es für jeden einzelnen wichtig, sich als ein anerkannte Mitglied der Gemeinschaft er­leben zu können. Zu erfahren, dass man anerkannt wird, auch wenn man anders gekleidet, ande­rer Herkunft, anderer Religion ist als die Mehrheit, wenn man weniger Mittel zur Verfügung hat, wenn man nicht in gleichem Maße sprachfähig ist, was auch immer. Und es geht dabei vor allem um eine Selbstverständlichkeit, mit der dies passiert. Es ist nicht eine Frage des Gönnens, des Gewährens; gerade Menschen, die nicht zur Mehrheit gehören, haben oft ein sehr feines Gespür dafür, dass auch in der Beteiligung ihre Besonderheit eine Rolle spielt.

    Es geht nicht darum, dass jemand Teil der Gemeinschaft ist, obwohl er anderer Herkunft, Religion … ist, auch nicht darum, dass er zum Teil der Gemeinschaft wird, weil er nun gerade anderer Her­kunft, Religion etc. ist. Er muss einfach dazugehören, fertig. Dann erst öffnet sich der Raum dafür, dass ein Mensch in seiner Individualität und Besonderheit sehr viel vielschichtiger ist, als es die einfachen Zuschreibungen, die sich als Clusterungen durch unsere Gesellschaft ziehen, suggerie­ren. Daniel Kanemann hat in seinem Buch „Schnelles Denken langsames Denken“ brillant dar­gestellt, wie sehr wir uns in der Beurteilung von Menschen davon leiten lassen, dass ein Merkmal mit anderen verbunden wird und uns zu falschen Urteilen führt. Eines der Beispiele war das fol­gende: Man stelle sich eine schüchterne Frau vor, die gerne Gedichte liest. Es werden Menschen gefragt, was sie ihrer Meinung nach studiert: Sinologie oder BWL? Erstaunlich viele Menschen tippten auf Sinologie – was die statistisch gesehen die krass unwahrscheinliche Möglichkeit ist, weil fast 100 mal soviele Menschen BWL studieren als Sinologie. Aber allein, weil es eine Frau ist, und weil wir uns vorstellen sollten, dass die gerne Gedichte liest, haben wir ein Bild von ihr, in das das Studium der BWL schon nicht mehr passt. (3)

    Ich möchte kein eigenes Beispiel konstruieren, weil das sofort wieder die Stereotype rekonstru­ieren könnte, die eigentlich außer Kraft gesetzt werden sollen. Worauf es mir ankommt ist, dass keine Unterschiede aufgrund von Merkmalen gemacht werden, nur weil sie einfach offensichtli­cher sind und nicht, weil sie wahrscheinlicher sind.

    Der öffentliche Raum sollte ein Raum des Soseindürfens sein, vorausgesetzt, wir fühlen uns den Grundlagen der Humanität und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verpflichtet, wo­von ich nun der Einfachheit halber ausgehe.

    Der zweite Punkt, der den öffentlichen Raum wichtig macht, dreht die Perspektive um: er ist wichtig, weil wir dort mit dem konfrontiert sind, was wir nicht wahrnehmen, wenn wir nicht in den öffentlichen Raum gehen, nämlich dass Menschen anders und dass sie uns fremd sind oder sein können. Und dass uns gerade das wichtig sein muss zu erkennen, wenn uns die freiheit­lich-demokratischen Grundordnung am Herzen liegt. Wir müssen die Menschen nicht nett oder sympathisch finden, damit sie Teil unseres Gemeinwesens sind. „Verschiedenheit“, so hatte es Caroline Emcke in ihrer Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vor ein paar Jahren ausgeführt: „Verschiedenheit ist kein hinreichender Grund für Ausgrenzung. Ähnlichkeit keine notwendige Voraussetzung für Grundrechte. Das ist großartig, denn es bedeutet, dass wir uns nicht mögen müssen. Wir müssen einander nicht einmal verstehen in unseren Vorstellungen vom guten Leben. Wir können einander merkwürdig, sonderbar, altmodisch, neumodisch, spießig oder schrill finden.“ (4) Und haben dennoch alle die gleichen Grundrechte. Das zu erfahren ist meines Erachtens essenziell im öffentlichen Raum. Die Frage ist, ob wir diese Erfahrung in ausreichen­dem Maße machen oder andere machen lassen.

    Ich möchte diesen Exkurs hier um etwas ergänzen, das vielleicht auch wichtig ist, nämlich, ein weiteres und vielleicht vorerst letztes Missverständnis, einem weitverbreiteten dass durch die Neugestaltung öffentlicher Räume gesellschaftliche und politische Missstände korrigiert werden könnten. Es „sollte angesichts restriktiver Einbürgerungsregime, kompetitiver Arbeitsplatzmärkte und segregierter Lebenswelten der integrative Beitrag, den öffentlich gemachte Räume leisten können, nicht überschätzt werden“, so nochmals die Studie von 2021. (5)

    Der öffentliche Raum wird meines Erachtens auch in seiner Bedeutung als Ort politischer Aus­handlung überschätzt. Im öffentlichen Raum wird ziemlich wenig politisch ausgehandelt, das passiert in den Parlamenten und im politischen Betrieb, der um die Parlamente herum organi­siert ist. Dazu gehört auch die Sichtbarkeit, an diesen politischen Betrieb Forderungen zu platzie­ren. Also zu demonstrieren.

    An dieser Stelle möchten ich auf den Zustand der öffentlichen Räume eingehen. Wir sind es ge­wohnt, diesen Zustand an ihrer gestalterischen Qualität zu messen. Nach meiner Vorrede könnte der Verdacht aufgekommen sein, dass ich dieser Qualität keine besonders hohen Stellenwert einräume. Es ist ja ein beliebtes Spiel unter Gestaltenden, sich die Schrecklichkeiten und Unge­reimtheiten, die ästhetischen Zumutungen gegenseitig vor Augen zu führen um damit die Klage von dem unbeachteten Wert der Kultur im allgemeinen und der Baukultur im Besonderen zu führen. Wie schlimm alles ist und wie wenig Menschen Wert auf eine gute Gestaltung legen. In der Tat habe ich an solchen Spielen keine Freude. Zwei Dinge scheinen mir hier einer Bemerkung wert.
    Zum einen ist keinesfalls so, dass Menschen der ästhetischen Qualität keine besonderen Stellen­wert einräumen. Es ist nur möglicherweise einer, der andere Dinge priorisiert. In erster Linie geht es um oftmals zunächst dabei grundlegend darum, dass Räume sauber sind, dass sie außerdem gut beleuchtet sind und keinem Gefühl der Unsicherheit Vorschub leisten. Und schließlich, dass sie gut funktionieren. Sauberkeit, Sicherheit, Funktionstüchtigkeit – diese Ansprüche einzulösen ist auch eine gestalterische Aufgabe, aber eben auch eine, die zeigt, dass Gestaltung kein Vorgang ist, der irgendwann mit einem Produkt abgeschlossen ist. Der öffentliche Raum muss gepflegt werden und zwar immer.

    Und wieviel Wert dieser Pflege beigemessen wird, das zeigt sich dann eben darin, in welchem Zustand die Pflanzen, die Oberflächen sind. Gestaltung muss eben dann auch berücksichtigen, dass die drei Dinge Sauberkeit, Sicherheit, Funktionstüchtigkeit eingelöst werden können. Wenn sie erfüllt sind, haben viele, würde ich behaupten, viel weniger Probleme damit, anzuerkennen, wenn über die Gestaltung die Architekt:innen und Planer:innen entscheiden.

    Der zweite Punkt der mir dabei wichtig erscheint: Gestaltung richtet sich oft, bewusst oder unbe­wusst, an eine Klientel, die in der Lage ist, sie zu verstehen oder wertzuschätzen. Sie hat also so eine Art Differenzierung in der Wertschätzung eingebaut. Dass er sich an eine bestimmte Gruppe von Menschen adressiert ist, zu der nicht alle gehören. Dass er die Qualitäten nicht berücksich­tigt, die anderen Menschen wichtig sein könnten.

    Zum Gestalten gehört auch das Reflektieren der eigenen Position. Welche Privilegien sind mit dieser Position verbunden? Wer hat diese Privilegien nicht? Wie könnten Menschen darauf re­agieren, dass ihnen deutlich gemacht wird, dass sie diese Privilegien nicht haben?
    Dazu ein kleines Beispiel. In Stuttgart wurden vor wenigen Jahren die Bänke am Beginn der Kö­nigsstraße, wie der Konsumschlauch Fußgängerzone dort heißt, abgeschraubt, weil sich auf ihnen Obdachlose gerne länger aufhalten. Die Begründung lief auf das Gefühl von Unsicherheit hinaus, die Obdachlose anscheinend verbreiten. Keiner kommt auf die Idee, dass die nur wenige Meter entfernt stehende, raumgreifende Straßenbestuhlung eines Cafés andere stören könnte, etwa die, die den Raum der Stadt nicht nur als einen verstehen, der möglichst geschmeidig dazu ani­mieren soll, Geld auszugeben. Die Bezirksbeiräte seien auf ihrer Besichtigung vor Ort angepöbelt worden, stand in der Zeitung noch zu lesen. (6) Darf es wundern, dass man aggressiv wird, wenn man wie in einem Zoo besichtigt wird, um daraufhin überprüft zu werden, ob man sich auch ordnungsgemäß verhält? Mal abgesehen von Aggressionen, die von anderer Seite im öffentlichen Raum ausgehen, sind Obdachlose meiner Erfahrung nach nicht aggressiv und wenn sie es sind, dann aufgrund von Problemen, die nichts mit mir zu tun haben. Vielleicht muss ich dann auch einfach nur nicht darauf beharren, diesen Raum in diesem Moment auch besetzen zu müssen. Und manchmal wird auch Aggression nur unterstellt.

    Wir begegnen hier der wichtigsten Aufgabe, die der öffentliche Raum stellt, wenn wir seine Be­deutung wie ich sie versuchte zu skizzieren, ernst nehmen: Nämlich Konflikte zu lösen oder mit ihnen einen Umgang zu finden. Weil zum Geschäft vielleicht gehört, dass man Konflikt nicht lösen kann. Wenn man Konflikte löst, dann verschwinden sie. Aber manche Konflikte kann man nicht zum Verschwinden bringen. Es sei daran erinnert, dass der öffentliche Raum nicht Proble­me lösen kann, die auf andere Ebene verantwortet werden. Ungleichbehandlung beim Zugang zu Bildung, Wohnung und Arbeit etwa. Diese Fragen sollen hier nicht bagatellisiert werden, aber ich fürchte, dass wir genau das tun würden, wenn wir der Meinung wären, dass ich sie im öffentlichen Raum gelöst werden könnten. Sie haben aber eine Wirkung auf ihn. Konflikte finden im öffentlichen Raum statt, ohne dass ich sie im öffentlichen Raum lösen könnte. Mit manchen Konflikte könnte man schon einen guten Umgang finden, wenn man genau das tut, was ich vorhin angedeutet habe: Wenn man die eigene Position reflektiert. Das betrifft zum Beispiel die Flächenkonflikte, die sich im öffentlichen Raum abspielen und von denen alle Ver­kehrsteilnehmende ein Liedchen singen, dass aber unterschiedlich klingt, je nachdem, wen man singen lässt.
    Marktstände und Außenbestuhlung von Gaststätten sind zwar penibel geregelt, aber auch hier wird öffentlicher Raum zugunsten kommerzieller Interessen privatisiert. Oft werden die Flächen werden durch Blumenkübel und Co. abgegrenzt, so dass für die Nutzer des Gehsteiges erhebliche Hindernisse entstehen und die ohnehin knapp bemessene Mindestdurchgangsbreite von 1,30 Metern, wenn überhaupt, nur gerade eben eingehalten wird.

    Paketdienste würden gerne Abholstationen aufstellen – natürlich im öffentlichen Raum. Die Lo­gistikbranche braucht Übergabestellen, um den letzten Kilometer per Lastenfahrrad abzuwickeln, Investoren könnten mehr Wohnraum schaffen, wenn Feuerwehraufstellflächen nicht auf dem Grundstück nachgewiesen werden müssten. Auch Leihräder und -Roller werden selbstverständ­lich im öffentlichen Raum platziert.

    Vor allem aber in einem Punkt zeigt sich, dass Konflikte oftmals Konflikte sind, weil Privilegien verteidigt werden. Und die, die dabei genannt werden als die, um die es vermeintlich geht, nicht unbedingt Gewinner:innen sind (etwa die Arbeitnehmenden, die nur mit dem PkW zur Arbeit kommen können.) In Deutschland sind 49,1 Mio PkW zugelassen, das sind mehr als einer für 2 Personen, Kinder, Menschen ohne Führerschein oder solchen, die aus anderen Gründen kein Auto fahren können (oder wollen), eingerechnet. In Berlin sind im öffentlichen Raum mehr Parkplätze verzeichnet als zugelassene PKW – und dabei sind weder Private Parkplätze, noch Tiefgaragen oder Parkhäuser mitgerechnet. (7)

    Es soll hier nicht darum gehen, den PKW zu verdammen, sondern sich zu fragen, ob man seine Nutzung so organisieren könnte, dass er von denen genutzt werden kann, die ihn wirklich brau­chen und nicht von denen, die am lautesten schreien. Von der notwendigen Größe der PKW mal abgesehen.

    Es geht aber auch im allgemeineren Sinne darum, sich nach Privilegien zu fragen und darum, wo Kosten die die Allgemeinheit trägt, von wenigen genutzt wird. Also tatsächlich darum: Was ist uns der öffentliche Raum wert?
    Konflikte sind aber im öffentlichen Raum nicht nur in den Zentren zu finden, sondern auch außerhalb davon. Und wenn wir uns mit dem öffentlichen Raum beschäftigen, dann sollten wir auch darüber reden, wie die öffentlichen Räume in den Siedlungen, in den Randgebieten, in den Gewerbegebieten und in Einfamilienhaussiedlungen betrachten.
    Und wie wir ihn in der Landschaft sehen. Und auch wenn uns die Konflikte dort weniger gravie­rend erscheinen als in den Innenstädten, so werden sie auch dort ausgetragen.

    Zwischen Landwirtschaft und Freizeitnutzung, zwischen Kindern und PKWs, zwischen Menschen auf der Suche nach Möglichkeiten der Aneignung und gewerblicher Nutzung.

    Der öffentliche Raum spielt eine große Rolle darin, wie wir das Thema der Gesundheit behandeln, wie wir eine Kenntnis von den Zusammenhängen bekommen, was unser Leben bestimmt – etwa auch in Fragen des Klimas. Beides hängt ja eng mit einander zusammen und es ist ein wichtiges Thema, wie wir zukünftig Räume gestalten, dass sie auf den Klimawandel reagieren. Zum einen darin, wie sich das Kleinklima durch Gestaltung steuern lässt, aber auch, wie den Folgen von Starkwetterereignisse vorgebeugt werden kann. Hier werden eine ganze Riehe von Gestaltungs­anforderungen stellen, auf die nicht mit etablierten Routinen bearbeitet werden können, also auch nicht mit eingeübten Regelungen, die als selbstverständlich akzeptiert werden. Eine sehr große Gestaltungsaufgabe.
    Aber bestimmt keine neue – wir haben uns nur schon etwas sehr daran gewöhnt, welche Infra­strukturen als selbstverständlich öffentlich, im öffentlichen und als öffentlicher Raum bereitge­stellt werden: die ganze Versorgung der technischen Infrastruktur ebenso wie Parks und Sport­flächen.

    Und hier sollten wir auch zur Kenntnis nehmen, dass gerade die aus unserer Sicht vermeintlich wenig ansprechende Gestaltung gerade eine Rolle spielt, sich nämlich selbst als ein Mitglied einer Gemeinschaft zu erleben – und das nicht, indem man sich anpasst und unterordnet, son­dern in dem man dort seine eigene Welt errichten kann.

    Diese Funktion gilt vor allem für Gruppen, die sich dort einer Identität versichern, Gebräuche pflegen; sie gilt für Jugendliche, die sich ihre eigenen Spielräume aneignen. Öffentliche Räume sind auch die Bruchstellen, die Rückseiten, Sackgassen und Restgegenden, die Möglichkeiten bieten, die die Stadt ausmachen und im Kontrast zu dem stehen, was eine homogene Stadtinsze­nierung der Zentren oftmals versucht zu suggerieren.

    Wir sollten solche Räume akzeptieren als Teil dessen, was Stadt ausmacht. Bruno Latour hatte festgestellt „dass jedes Objekt (…) einen eigenen Bedeutungsraum erzeugt, einen Raum von Ge­fühlen, Störungen, Verständigungen und Missverständnissen.“ Genau diesen Raum nennt Latour den öffentlichen Raum. Latour hatte angemerkt, dass sich in der Stadt nicht versammelt werde, „um sich zu verstehen, übereinzukommen, sich gut zu fühlen. Versammlungen im öffentlichen Raum sind regelmäßig Ausdruck der Positionierung, der Gegenrede, des Nichteinverstandensein.“ (8) Dieser Raum wird zerstört, wenn er nicht mehr sichtbar machen darf, welche Konflikte unser Zusammenleben prägen. Erst der Widerspruch, das Anderssein, macht den öffentlichen Raum zu einem solchen.
    Das heißt, dass wir nie damit aufhören uns zu fragen, ist es richtig, wie wir in Konflikten vermitteln, wie wir mit ihnen umgehen, ob wir dabei Zumutungen verteilen, wer was tragen kann. Wir sollten dabei fragen, wie wir nach Bedarfen fragen oder danach, wer welche Mittel zur verfügung hat. Das müssen wir nun nicht unbedingt nur nach sozialen Fragen beantworten. Eine der Grup­pe, die im öffentlichen Raum gerne zu wenig berücksichtigt werden, sind Jugendliche. Sie haben einen erheblichen Bewegungsbedarf, sie sind in einer Lebensphase, in der sie sich erproben und Widerstände ausloten. Wir haben in der Corona-Pandemie erlebt, wie schwer es für Jugendliche war, mit der Situation umzugehen – und wie schwer es uns viel, mit den Bedarfen von Jugendli­chen umzugehen, die so schnell zu denen gehörten, die sich nicht regelkonform verhalten haben, aber vielleicht auch genau deshalb, weil die Regeln so eng gesteckt waren, dass die Bedarfe der Jugendlichen nicht mehr darin vorkamen.

    Wir müssen die öffentlichen Räume und die Möglichkeiten, mit ihnen umzugehen, sich in ihnen aufzuhalten und zu erfahren, resilient machen. Wir müssen in ihnen etwas zulassen, was wir nicht planen können. Wir müssen eine Balance aus Freiheit und Regel finden und wir müssen da­rauf achten, dass wir dabei nicht allein die berücksichtigen, deren Stimmen politische Aufmerk­samkeit genießen.
    Und hier bekommen, so denke ich, die dritten Orte eine maßgebliche Rolle am Schnittpunkt zwi­schen öffentlichem Freiraum, Zivilgesellschaft, zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Grup­pen und Interessen. Wir haben das Potenzial für solche Häuser der Demokratie, weil man sie nen­nen könnte, in Quartieren und Kommunen, Häuser der Begegnung, in denen sich Menschen als selbstverständliche Teile der Gesellschaft erleben könnten, Schutzräume für ein Miteinander und den Aushandlungen, die damit verbunden sind. Orte, die als Räume die Qualitäten mitbringen, Begegnungen einladend zu ermöglichen und verschiedenen Gruppen als Angebote nichtkommer­zieller Aktivitäten zur Verfügung zu stehen. Es könnten beispielsweise leerstehende Erdgeschosse sein, aber auch die Kirchen und die Räume der Kirche, die in vielen Fällen nicht mehr so wie ur­sprünglich gebraucht werden und für die Kirchen zu Belastung geworden sind.
    Es braucht aber vor allem ein Bewusstsein dafür, dass diese öffentlichen Räume notwendig sind und dass sie nicht nur als räumliche Ressource zur Verfügung gestellt werden müssen, sondern kuratiert werden müssen. Dass für sie Sorge getragen wird, dass für sie Regeln erarbeitet werden, nach denen Zugang und Nutzung geregelt ist, damit sie zu Orten der Begegnung und des Aus­tauschs werden, wo die anonymeren und vielleicht auch gleichgültigeren Begegnungen im öffent­lichen Raum tatsächlich zu Begegnungen werden. Damit wir die Gegenreden besser ertragen. Und vielleicht wird dort auch ausgehandelt, wie Gegenreden so eingehegt werden können, dass sie nicht zu Eskalationen führen.

    Und das ist das Paradoxe am öffentlichen Raum. Dass in ihm ein Umgang mit Konflikten gefun­den werden muss, damit diese Konflikte nicht verschwinden oder unterdrückt werden, weil es zu einer Demokratie wesentlich gehört, dass in ihr Konflikte bestehen und artikuliert werden müs­sen. Die eben nicht durch Techniken gelöst werden können, nicht durch Technologien, auch nicht durch Gestaltung und durch Architektur oder Städtebau.

    Und damit verbunden ist die große Sorge, die ich habe, wenn ich über öffentlichen Raum nach­denke: Dass die Eskalation von Konflikten dafür sorgt, dass die Qualität des öffentlichen Raums reduziert wird. Dass die Eskalation von Konflikten genau deswegen ein Interesse sein könnte, weil sie politisch instrumentalisierbar ist, etwa in dem Sinne, dass sich Personen als Macher und Problemlöser inszenieren kann – in Form von Bannmeilen, rechtseingeschränkten Räumen, Platzverboten, harten Strafen und Überwachung. Durch eine verschärfte Abschiebepolitik und eine weitere Unterminierung des Demonstrationsrechts. Oder, auf das Klimabezogen, in Form von Hilfen an Überschwemmungsopfer, inszenierten Auftritten auf Deichkronen und harten Strafen gegen Klimakleber. Wie sehr man auch deren Mittel in Zweifel ziehen mag, die Reaktionen auf sie stehen in keinem Verhältnis zu den Vergehen, deretwegen sie zu diesen zweifelhaften Mittel ge­griffen haben. There is no glory in Prevention, es gibt keine Ruhm für Prävention.

    Öffentlicher Raum aber, der auf inszenatorische Aspekte reduziert wird, mit der nur noch der Anschein funktionierender Demokratie aufrecht erhaltenen wird, wird auf ein Bild reduziert, er wird zu einer Theaterstaffage, auf deren Bühne ein Spiel gespielt wird, dessen Text schon vorher geschrieben wurde.

    Hier könnte sich der Traum erfüllen „vom mediterranen Lebensgefühl, von der lauschigen Piaz­za, vom Verweilen zwischen Brunnen, Bänken und üppigen Bäumen“. Der Traum würde sich als Alptraum erweisen. Wenn in dieser Inszenierung der öffentliche Raum auf die Abwesenheit von Konflikten reduziert wird, heißt das, dass wir den öffentlichen Raum als Ausdrucksraum dessen verlieren, was im Gesamten von Politik und Gesellschaft zu reflektieren und eben auch zu kriti­sieren ist. Der Traum würde sich als Alptraum erweisen.

    • (1) https://www.nzz.ch/zuerich/hitze-leere-verkehr-das-sind-die-misslungensten-plaetze-von-zuerich-ld.1838078?mk tcid=smch&mktcval=lnkinpost_2024-07-23 Letzter Aufruf: 23. 11. 2024
    • (2) Philippe Koch, Stefan Kurath, Simon Mühlenbach: Figurationen von Öffentlichkeit. Herausforderungen im Denken und Gestalten von öffentlichen Räumen. Zürich 2021, S. 31
    • (3) Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken. Müchen 2012, S: 190 f. Die Zahl ist im Buch nicht genannt, sondern überschlägig von mir nach aktuell zugänglichen Zahlen in Deutschland bezogen.
    • (4) https://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/die-preistraeger/2010-2019/carolin-emcke
    • Letzter Aufruf: 23. 11. 2024
    • (5) Koch et al.: Figurationen, S. 73
    • (6) https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.demo-zum-schutz-fuer-obdachlose-in-stuttgart-streit-um-sitzbaenke-an-der-koenigstrasse.ec636ade-c1b1-42fe-b0fe-676c3dcf69c4.html Letzter Aufruf: 23. 11. 2024
    • (7) https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2024/11/Karte-Millionen-Parkplaetze-Berlin.html Letzter Aufruf: 23. 11. 2024
    • (8) Zitiert nach: Nikolai Roskamm: Die unbesetzte Stadt. Postfundamentalistisches Denken und das urbanistische Feld. Basel 2017, S. 370 f.

    Bildnachweis: Landesarbeitsgemeinschaft Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit BW e.V.